Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit ist eine Meditationsform und bedeutet:

  • eine Form der Aufmerksamkeitslenkung auf das bewusste Erleben

  • im jetzigen Moment voll anwesend sein, ihn ganz bewusst erleben und akzeptieren

  • mit einer freundlichen, sanften, liebevollen, mitfühlenden Haltung (uns selbst gegenüber)

  • unser Herz öffnen für uns und unsere Umwelt

 

Der Begriff Achtsamkeit ist zwar in den letzten Jahren sehr populär geworden, wird in der deutschen Sprache aber immer noch oft nicht als das verstanden, was im Rahmen der „Achtsamkeitslehre“ gemeint ist. Im Duden findet man u. a. Synonyme wie Aufmerksamkeit, Genauigkeit und Gründlichkeit, die als Elemente von „Disziplin“ interpretiert werden können und möglicherweise sogar abschreckend wirken („Sei achtsam!“). 

Der englische Begriff „Mindfulness“ - mit dem Geist voll da sein - ist treffender und verständlicher als der Begriff „Achtsamkeit“ und wird deshalb oft auch im deutschsprachigem Raum benutzt. Es geht dabei nicht um eine Methode - weder zur Selbstoptimierung, noch zur Entspannung. Vielmehr stellt sie sowohl eine mentale Übung, als auch eine innere Haltung dar, mit der wir uns und unserer Umwelt begegnen.

 

Zur inneren Haltung der Achtsamkeit gehören die folgenden sieben Säulen, die wir lernen, bewusst zu entwickeln: Nicht-Urteilen, Geduld, Anfängergeist, Vertrauen, Nicht-Erzwingen, Akzeptanz und Loslassen. Zu diesen sieben grundlegenden Haltungsaspekten kommen u. a. noch die folgenden hinzu: Rücksichtnahme, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Duldsamkeit, Versöhnlichkeit, Wohlwollen, Gelassenheit und Mitgefühl. 

Achtsam sein bedeutet nicht, dass wir all diese Eigenschaften erfüllen müssen. Es ist z. B. völlig normal und liegt in unserer Natur, dass wir Dinge automatisch bewerten, sonst hätten wir Menschen nicht überlebt - aber dieses (destruktive) Bewerten zu bemerken bedeutet achtsam sein.   

Der zunehmende Bedarf an Achtsamkeit hat unterschiedliche Gründe. Zum einen ist es so, dass unserer unruhiger Geist („Monkey-Mind“) dazu führt, dass wir unser Leben zur Hälfte verpassen und sehr oft gedanklich mit Sorgen, Ängsten und Ärger beschäftigt sind, während wir nur einen Bruchteil der schönen Momente wahrnehmen. Das kann u. a. zu einer chronischen Unzufriedenheit oder einem Gefühl der inneren Leere führen.

Hinzu kommen die Herausforderungen der „VUCA-Welt“*: die Welt ist beschleunigt, überfüllt, überreizt, überkomplex und wir müssen alle lernen, auf neue Weise auf uns und unsere Mitmenschen zu achten. Wir sind einer wahnsinnigen Informationsflut ausgesetzt (ständige Erreichbarkeit, unzählige E-Mails, die Arbeit an mehreren Projekten gleichzeitig, Multitasking, Ablenkung), der Leistungsdruck steigt und immer schneller verändert sich unser Umfeld. Es entstehen andauernd neue Herausforderungen, denen wir in der Welt begegnen.

Das Problem dabei ist, dass sich unser Gehirn noch nicht angepasst hat. Es strebt nach Sicherheit und Routine, da dadurch Energie gespart wird. Die Informationsflut überfordert das Gehirn, was zu einem erhöhten Ruhebedürfnis führt. Der Mangel eines entspannten Zustandes kann die bewusste Handlungsfähigkeit lahmlegen, da wir uns angewöhnen, Dinge auf eine bestimmte Art und Weise zu tun bzw. zu denken („Denk- und Verhaltensmuster“) und stellen oft gar nicht infrage, ob das überhaupt nötig ist. Auch unsere Kinder, denen es naturgemäß leicht fällt, im Hier und Jetzt zu sein, verlernen sich zu konzentrieren. 

Und auch das Thema Stress ist überall präsent. Sicher ist akuter Stress förderlich, da er uns motivieren kann und Energie freisetzt. Chronischer Stress dagegen macht krank. 

Nun ist es mit der Achtsamkeit nicht so, dass dadurch diese Herausforderungen und sowieso alle Schwierigkeiten aus unserem Leben verschwinden. Achtsamkeit eröffnet aber Wege, anders damit umzugehen. Achtsamkeit ermöglicht uns Freiheit. Das bekannte Zitat von Victor Frankl trifft es sehr gut: 

 

Zwischen einem Reiz, der auf uns trifft (z. B. eine bösartige Kritik) und unserer unbewussten Reaktion darauf (z. B. uns verteidigen, beleidigt reagieren, zurückschießen) vergeht naturgemäß wenig Zeit. Unser Gehirn ist darauf trainiert, einen Reiz unbewusst z. B. als Angriff zu bewerten und schickt automatisch die Reaktion hinterher. Mittels Achtsamkeitstraining können wir nach und nach lernen, diese unbewusste Bewertung des Reizes besser zu bemerken und die Reaktion darauf freier zu wählen. Wir können auch lernen, unsere Gedanken- und Verhaltensmuster besser kennenzulernen, die uns auf ähnliche Reize auch immer wieder ähnlich reagieren lassen. 

 

Wir können lernen, den „Autopiloten“ zu verlassen und ganz bewusste Entscheidungen zu treffen. Wenn wir all unsere Emotionen besser wahrnehmen, können wir lernen, uns selbst besser zu verstehen. Wir können Themen bearbeiten, die uns stressen, uns Angst einjagen oder unglücklich werden lassen. Welche Bedürfnisse habe ich? Was brauche ich? Was triggert mich? Was sind meine Werte? Wir alle haben Ängste. Wir alle haben eine innere Stimme, die oft sehr hart mit uns spricht. Wenn wir lernen, all das bewusster wahrzunehmen, ohne es zu bewerten und ohne es zu unterdrücken, können sich diese Themen lösen.

 

Wenn wir lernen, freundlicher mit uns selbst umzugehen, ergibt sich daraus auch eine größere Freundlichkeit mit anderen. Wir können uns selbst besser annehmen, so wie wir sind, mit allen Stärken und Schwächen, ohne dass wir ständig irgendetwas verändern wollen. Das steigert unser Selbstvertrauen und unsere Selbstwirksamkeitserwartung und liefert damit die Voraussetzung für ein glückliches Leben. 

Wenn wir uns selbst und unsere Gefühle bewusster wahrnehmen, können wir auch unsere Mitmenschen bewusster wahrnehmen, denn bei Selbstwahrnehmung und Empathie werden die gleichen Hirnareale (Inselrinde) aktiv. Wir steigern also unsere Emotionale Intelligenz (EQ) - unsere Empathiefähigkeit und unser (Selbst-)Mitgefühl erhöht sich. Und das wiederum ist Voraussetzung für ein friedliches, liebevolles Zusammenleben. 

 

Die beschleunigte „VUCA-Welt" * verlangt von uns Flexibilität und bessere innere Führung. Dennoch sollte Achtsamkeit keinesfalls als Selbstoptimierungstechnik verstanden werden, um sich den gesellschaftlichen Missständen besser unterzuordnen und das zunehmend schnelllebige und stressige System zu bestärken. Wird diese gesellschaftliche Last auf dem einzelnen Menschen abgeladen, tragen wir mit Achtsamkeitstraining möglicherweise zur Beschleunigung bei. Vielmehr bietet Achtsamkeit die Chance zu erkennen, was wirklich wichtig ist - für uns und die Welt. 

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum.

In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion.

In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

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Achtsamkeit bietet

die Chance zu erkennen,

was wirklich wichtig

ist - für uns

und die Welt.

* Das Akronym "VUCA" steht für die Anfangsbuchstaben der englischen Begriffe „volatile“ (unberechenbar, sprunghaft, flüchtig), „uncertain“ (unsicher, ungewiss), „complex“ (komplexer, verzweigt, vielschichtig) und „ambiguous“ (viel-, doppel-, mehrdeutig, unklar).